Social Media und Wissenschaft scheinen manchmal wie Pech und Schwefel zueinander zu stehen. Ursprünglich war dieser Arbeitstitel, der jetzt über diesem Blogbeitrag steht, für einen Science Slam während der HFD Con 2019 gedacht. Da ich an diesem Termin doch nicht teilnehmen konnte, verarbeite ich einige Gedanken hier.

Ich hätte bis vor einigen Wochen nicht gedacht, dass das Thema “Social Media und Wissenschaft” während der Corona-Pandemie doch so präsent werden würde. Und spätestens jetzt sollte klar sein, dass Social Media absolut kein Spielzeug sind, auch wenn sie manchmal so bunt und verspielt wirken und als Nebensache betrachtet werden.

Ein prominent gewordenes Beispiel: Unter “Heinsbergprotokoll” sollten die Forschungsbemühungen von Professor Hendrik Streeck und seinem Team in Gangelt (Kreis Heinsberg) nach eigenen Angaben “dokumentiert” werden. Eine Berliner PR-Agentur übernahm das Social-Media-Ruder für den Wissenschaftler und steuert den Kahn in Richtung herbster Kritik. Jeder mag sich hierzu seine eigene Meinung bilden. Dennoch sieht für mich gelungene Wissenschaftskommunikation über Zwischenergebnisse definitiv anders aus. Es bleibt abzuwarten, wie die Endergebnisse medial präsentiert werden.

Das Social Media besonders in Zeiten von Covid-19 absolut kein Spielplatz sind, zeigt sich auch in Indien: Die verfügbaren sozialen Medien nehmen hier eine Zwitterrolle ein. Sowohl als Sprachrohr und Bildungskanal für mehr öffentliche Gesundheitskompetenz als auch als Sumpfloch für Fake News. Das Problem dieses Lochs ist jedoch, dass es nicht für ein Versinken von Pseudofakten sorgt, sondern Panik und rassistische Aufhetzung schürt. Hier ein Abstract von indischen Wissenschaftlern: Social media panic and COVID-19 in India

Von Tweets und anderen Ungeheuerlichkeiten

Ein Tweet, ein paar aneinander gereihte Zeichen, die ganze Gesellschaften in Bewegung versetzen können. Was Clifford Geertz ethnografisch als “the wink” in den Fokus der Betratchung stellte, ist heute “the tweet”. Zuckt das Zwitschern nur kurz oder zwinkert es einer großen und nicht kalkulierbaren Masse entgegen, die dann unkontrolliert anfängt zu rollen?

Der wissenschaftliche Elfenbeinturm muss sich in Acht nehmen, um von einem Shit Strom nicht mir nichts dir nichts umgehauen zu werden. Meiner Meinung nach hilft Wissenschaftlern ein sachgemäßes Medientraining, um Wirkzusammenhänge verstehen zu lernen. Und dies halte ich für jede – wirklich jede Disziplin – sinnvoll!

Manch einer mag jetzt wohl fragen: Was soll ich mich jetzt auch noch mit Medienarbeit auseinandersetzen?! Dafür gibt es doch PR-Agenturen! Ja, ABER, siehe oben! Es kann nicht schaden – und in Krisensituation schon mal gar nicht – wenn Wissenschaftler mediale Fettnäpfchen rechtzeitig erkennen können, von einem souveränen Austritt in den Medien ganz zu schweigen… und von einer gut durchdachten, im Team abgestimmten Social Media Strategie inklusive Krisenkommunikation noch gar nicht die Rede… zum Wohle der Wissenschaft!

Zuerst wollte es keiner glauben, aber…

Vor rund zehn Jahren rannte ich gegen so manche felsige Mauer gespickt mit Social-Media-Skeptikern. Kritik und Skepsis ist in Zusammenhang mit Social Media generell angebracht, wenn sie begründet ist und nicht einfach nur hinausposaunt wird. Frühere Kollegen aus dem Wissenschaftsbereich kamen damals auf mich zu uns sagten: “Was machst du denn da schon wieder auf Facebook? So ein Quatsch!” Ich organisierte eine Studentengruppe für ein Forschungsprojekt und erreichte damit meine Leute auf dem Kanal, den sie auch so nutzten.

Egal in welcher Disziplin wir uns bewegen, ein Spruch wird wohl überall seine Gültigkeit bewahren: “Denn sie wissen, was sie tun!” Und dies gilt eben auch im besten Fall für die Anwendung von Social Media in der Wissenschaft und verlangt nach der eindringlichen Beschäftigung mit den kommunikativen Möglichkeiten unserer Zeit!

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Rosi Würtz

Soziologin mit den Schwerpunkten Digitalisierung und Gesundheit, derzeit Promotion (Uni Bonn) über Führungskräfte und Gesundheitskommunikation, staatlich anerkannte Physiotherapeutin mit einem Faible für die Raumfahrt