Beitragsbild Promotionstagebuch Corona und Soziologie

ProMotion #018: Corona und Soziologie

Das Corona-Virus nimmt derzeit einen festen Platz in der öffentlichen Diskussion ein. Zurecht fragt Dr. Martina Franzen im SozBlog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), welche Rolle Soziologen und Soziologinnen in diesem Diskurs einnehmen: “Gesellschaft unter Spannung. Was kann die Soziologie zur Bewältigung der Corona-Krise beitragen?

Einige meiner “Lieblins-Bindestrich-Soziologien” werden von dieser Pandemie in besondererweise als Diskussionsanker berührt: Körpersoziologie, Gesundheitssoziologie, Mediensoziologie, Medizinsoziologie und viele weitere soziologische Themensphären. Ich möchte die anstehende Zeit nutzen, meine Gedanken und Erfahrungen während der Coronakrise hier zu dokumentieren.

Deutungshoheiten im Fall Corona (Mittwoch, 18. März 2020)

In den letzten Wochen stellten uns Medien jeglicher Form vor allem Experten und Expertinnen der Virologie und Epidemiologie vor. Sie gelten als beratende Instanzen, die der entscheidenen Politik Handlungsempfehlungen aussprechen. Vor allem Prof. Drosten und sein fast tägliches NDR Corona Update in audiovisueller Podcast-Version hält uns derzeit über die wissenschaftlichen Prozesse auf dem Laufenden. Expertentum bleibt jedoch nicht allein und so sind auch so rüsten auch weitere SpitzenforscherInnen medial auf.

The Daily Streeck ist nun der nächste Podcast, der vom Bayerischen Rundfunk und von Prof. Hendrik Streeck (Universitätsklinikum Bonn) angeboten wird. Vertrauen in die Wissenschaft ist eins der Themen, die von hoch soziologischer Relevanz wären und die es lohnen, öffentlich diskutiert zu werden. Warum? Damit wissenschaftliche Forschung transparent dargestellt wird und ihre oft komplexen Wege besser von einer fachfremden Öffentlichkeit verstanden werden können.

Es geht auch um Deutungshoheit im aktuellen Diskurs um Corona. Vielfalt in der wissenschaftlichen Präsentation ist gut, so lange es um die Sache geht. Und hier hoffe ich auf die Professionalität der beteiligten Professionen.

#wirbleibenzuhause (Donnerstag, 19. März 2020)

Der Begriff der Solidarität scheint derzeit eine neue Dimension anzunehmen. Unter Hashtags bündeln sich gemeinschaftlich geteilte Unterlassungshandlungen: #wirbleibenzuhause und #stayathome sind direkte Aufforderungen des kollektiven Couchsurfings mit internationalem Auftrag. Social Distancing und Corona-Parties geben sich derzeit die Klinke in die Hand. Mal sehen, wann die Politik Entscheidungen trifft, die alle dann befolgen müssen. Wie ermöglichen wir also ein gelingendes Miteinander und Füreinander, wenn man den betreffenden Personenkreis nicht kennt und ihm noch nie begegnes ist? Virtuell geht dies durchaus!

Soziologisches Denken in der Anwendung (Freitag, 20. März 2020)

Was kann soziologisches Denken in aktuellen Corona-Krisen-Diskurs beitragen? Ich sehe darin die Chance – wie so oft, wenn ich nach dem Sinn der Soziologie gefragt werden – alltägliches Denken aufzubrechen. Die Situation aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, bedeutet auch, Fake News zu erkennen und ihnen Fakten entgegensetzen zu können. Meiner Meinung nach haben Soziologen und Soziologinnen – in Zeiten wie diesen ganz besonders – den Auftrag, der Analyse auch eine Handlungsempfehlung auszusprechen. Public Sociology, zeig was du kannst!

Dr. Eckhard von Hirschhausen ist nun auch unter die Podcastler gegangen und plädiert für mehr Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung. Und ja, ich stimme ihm zu, dass medizinisches Wissen und dessen Anwendung transparent und verständlich für ein fachfremdes Publikum durch geschickte Wissenschaftskommunikation aufbereitet werden muss. Ein paar Webseiten, die diesem Anspruch gerecht werden und anwendungsfreundliches Faktenwissen aufbereiten:

Gedanken zum Thema Vertrauen während der Corona-Krise und die unterschiedlich Dimensionen, die Vertrauen annehmen kann, diskutiert die Soziologin Jutta Allmendinger in dieser Gesprächsrunde:

Begrifflichkeit social vs. physical distancing (Samstag, 21. März 2020)

Die Chance der Soziologie besteht darin, Tatsachen begrifflich präzise in Worte zu fassen und zu beschreiben. Der Begriff Social Distancing, der derzeit durch die Medien gereicht wird, meint eigentlich PHYSICAL distancing. Körperliche Distanz ist nicht gleich soziale Distanz und das ist wichtig zu verstehen. Denn es geht nicht darum, den Kontakt zu seinen Mitmenschen zu verlieren, sondern sie durch Abstand nicht zu gefährden. Hier greift das soziologische Verständnis von “sozial”, nämlich ein auf einen oder mehrere andere Menschen bezogenes Handeln. Und das ist ja bekanntlich auch virtuell über das Netz möglich.

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Rosi Würtz

Soziologin mit den Schwerpunkten Digitalisierung und Gesundheit, derzeit Promotion (Uni Bonn) über Führungskräfte und Gesundheitskommunikation, staatlich anerkannte Physiotherapeutin mit einem Faible für die Raumfahrt

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