ForschungsFlashmob: Interview mit medienblick-bonn.de

Veröffentlicht von Rosi Würtz am

Interview über den Forschungs-Flashmob “Der rote Teppich wird ausgerollt…” aus dem Jahr 2009. Die Fragen stellte mir Stephanie Haupt vom Online-Magazin www.medienblick-bonn.de.

Wie kam es zu der Idee des Flashmobs „Roter Teppich”?

In unserem Hauptseminar „Visuelle Soziologie” haben wir gemeinsam mit unseren Student*innen nach einem Praxisprojekt gesucht. Neben der theoretischen Herangehensweise (Texte lesen und diskutieren) bieten wir dieses Sommersemester auch einen praktisch orientierten Zugang zum Forschungsfeld an. Die Hofgartenwiese als Mikrokosmos des sozialen Lebens liegt direkt vor unserer Universitätshaustür und eignet sich hervorragend als Forschungsfeld. Gemeinsam haben wir dann nach einem Thema gesucht, das uns ermöglicht, Zeit effizient Videodatenmaterial auf der Hofgartenwiese zu sammeln. Das Ergebnis dieses Ideenprozesses war dann letztendlich unser Flashmob „Der rote Teppich wird ausgerollt… “.

Mit welchen Erwartungen war das Projekt in bezug auf die Forschungsfrage und die methodische Herangehensweise verbunden?

Wir haben mit unserem Flashmob auf und am roten Teppich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, um es mal so salopp auszudrücken. Zum einen haben die Seminarteilnehmer*innen die Möglichkeit visuelle Sozialforschung mal ganz praktisch mit Kameras im Forschungsfeld zu betreiben. Zum anderen eröffnet uns das Ausrollen des roten Teppichs in diesem öffentlichen Raum spannende Fragestellungen in Bezug auf medienkulturelle Phänomene der heutigen Zeit. ,,Wir alle spielen Theater”, so wie es bereits der Soziologe Erwin Goffman 1959 formulierte, bedeutet grob gesagt, dass jeder von uns sich auch im Alltag inszeniert. Uns interessiert aus soziologischer Sicht, wie sich die Akteur*innen spontan inszenieren, wenn ihnen mitten in ihrem Alltagsleben ein roter Teppich vorgelegt wird. Die Art und Weise wie sich Menschen auf und um den roten Teppich benehmen, ist das Entscheidende für uns.

  • Welche Wechselwirkungen zwischen den Akteuren können wir beobachten?
  • Bilden sich Gruppen, wer interagiert mit wem?
  • Welche Kleidung, Frisuren etc. tragen unsere Flashmob-Teilnehmer?
  • Wie schlüpfen Unbeteiligte spontan in die Starrolle oder Publikumsrolle?
  • Welche Körperbewegungen können wir beobachten?

Um einen möglichst umfangreichen Einblick in unseren Forschungsgegenstand zu erhalten, haben wir uns dazu entschlossen, die Aktion mit 10 Kameras aus verschiedenen Perspektiven aufzunehmen. Jede Kameraposition hatte einen vorher festgelegten Fokus wie z.B. die Beobachtung von Gestik und Mimik der Akteure oder den Übergang von der Publikums- zur Starrolle oder umgekehrt.

Welche Verbreitungswege haben Sie für diesen Flashmob genutzt?

Da wir alle keine Flashmoberfahrungen besaßen, haben wir uns erstmal nach einschlägigen Flashmob-Foren im Netz umgesehen. Dort haben wir unseren Flashmobtermin in die jeweiligen Eventkalender eingetragen. Bei mein VZ.net, studiVZ.net und facebook ließ sich problemlos in diversen Gruppen auf unseren Flashmob aufmerksam machen. Während einer Seminarsitzung ist auch ein Flyer entstanden, von dem wir ca. 500 in ganz Bonn verteilt haben: in Studentenheimen, im Freundes- und Bekanntenkreis etc.

Wie und wie schnell verbreiten sich Flashmobs? Gibt es bereits Untersuchungen dazu?

Das Forschungsfeld „Flashmob” ist in der Forschung noch nicht sonderlich ausführlich behandelt worden. Menschenaufläufe sind nichts Neues. Das neue, innovative Element besteht im enormen Tempo, in dem ein Flashmob gezielt organisiert werden kann.

Die Geschwindigkeit als Merkmal moderner Städte hat Georg Simmel, einer der Gründerväter der Soziologie, vor über 100 Jahren in den Fokus seiner Untersuchungen des sozialen Lebens gestellt. Wenn wir die Entwicklungen unserer heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse beobachten, entdecken wir eine Gelegenheitsvergemeinschaftung, in der Fachsprache würden wir so etwas okkasionelle Vergemeinschaftung nennen. Dieses Phänomen sehen wir beispielsweise auch bei Fußballspielen in großen Stadien, in denen Menschen, die sich nicht persönlichen kennen, gemeinsam den Sieg ihrer Mannschaft feiern. Oder bei einem Popkonzert gemeinsam ihrem Star zu jubeln und nach dem Konzert diese Gemeinschaft wieder auflösen und nachhause fahren.

Wie haben Sie den Flashmob „Roter Teppich” ausgewertet und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Wir hatten eine rege Beteiligung auf unserem roten Teppich, obwohl am 8. Juli 2009 das Wetter sehr wechselhaft war. Zum Glück hat es um Punkt 18.00 Uhr nicht geregnet, sodass wir unseren Teppich problemlos ausrollen konnten. Mit ca. 30 Flashmobteilnehmer*innen war unsere Aktion doch besser besucht als wir uns anfangs erhofft hatten.

Die Aktion auf dem Teppich hat insgesamt sieben Minuten gedauert, in denen ca. 70 Minuten Videomaterial und über 600 Fotos entstanden sind. Unsere Studenten arbeiten zur Zeit noch an der Auswertung des Datenmaterials. Während einer ersten Sichtung der Videos und Fotos nähern wir uns mit einem eigens entwickelten Analyseleitfaden der Fülle und Komplexität des Materials. ,,Was siehst Du dort?” ist beispielsweise eine der ersten Frage, mit der wir anfangen.

Welche Motivation bzw. welche möglichen Gründe gibt es für Leute, an einem Flashmob teilzunehmen?

Es gibt durchaus unterschiedliche Flashmob-Formen. So können wir beispielsweise einen ,,smart mob” als einen politisch motivierten Flashmob von einem „artistic flashmob” unterscheiden. Nicht jeder Flashmob ist nur auf das spontane Erlebnisgefühl ausgerichtet.

Zukunft von Flashmobs?

Die erste Lektion, die ich in meinem Soziologiestudium gelernt habe, war: „Prognosen sind schwierig!”. Ich kann demnach nicht sagen, ob und wie lange der derzeitig zu beobachtende Flashmob-Boom anhalten wird. Interessant für uns ist, welche innovativen Ideen die aktiven Flashmobber*innen in der Zukunft umsetzen werden und welche flashmobartigen lnterventionen öffentliche soziale Räume aufweiche Art und Weise beeinflussen werden.

Sind weitere Untersuchungen von Flashmobs in ihrem Institut geplant?

Wir bleiben auf jeden Fall an diesem Thema dran! Vor knapp zwei Jahren wurde bereits in unserer Abteilung für Soziologie eine Magisterarbeit zum Thema „Flashmob” geschrieben. Die Verzahnung von Online-Kommunikationen und Face-To-Face-lnteraktionen ist für uns Soziolog*innen ein heißes Thema, das sich in Bezug auf das Phänomen Flashmob ganz besonders gut beobachten und untersuchen lässt. Weitere Ideen sind jederzeit willkommen und finden bei uns offene Ohren und selbstverständlich auch interessierte Augen!

Herzlichen Dank für dieses Interview!

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Rosi Würtz

Soziologin mit den Schwerpunkten Digitalisierung und Gesundheit, derzeit Promotion (Uni Bonn) über betriebliche Gesundheitskommunikation von Krankenhäusern in sozialen Medien, staatlich anerkannte Physiotherapeutin mit einem Faible für Paläontologie und Raumfahrt