40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

Veröffentlicht von Rosi Würtz am

Noch nie da gewesen und jetzt hier in Bonn auf meinem Laptop. Ergonomische 50 Zentimeter knapp auf Augenhöhe spielt sich für ein neuer Film ab. In diesem Blogbeitrag schreibe ich über das, was ich sehe.

Montag, 14.09.2020 (Kongresstag 1)

Kurz vor 10 Uhr: Ich sitze seit knapp einer Stunde am Laptop und schaue über das Hashtag #DGSoz2020 dem Aufwachen eines Online-Kongresses zu. Tatsächlich, ich war bis dato noch nie auf dem großen und viel beschworenen Soziologiekongress: Der 40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wird aufgrund der Pandemie in digitaler Form stattfinden und ich bin quasi mittendrin. So, Butter bei die Fische und Eulen nach Berlin tragen: Ich schreibe also nun alles (fast alles 😉 auf, was mir so über meine Synapsen rutscht.

Punkt 10 Uhr: Oh, es gibt wohl zum ersten Mal einen Podcast, der während des Kongresses mit aktuellen Folgen gefüttert werden soll. Ich höre ihn mir jetzt mal an. Es ist ja noch ein bisschen Zeit, bis zum offiziellen Startschuss um 17 Uhr. Wer auch hören möchte, hier der Link: https://soztrap.podigee.io/ Schon beim Anhören wird mir klar: Ich habe bisher das Disneyland der Soziologie in der Vergangenheit verpasst! Dann hole ich heute mal gaaaaanz viel nach… to be continued, ich bin mir sicher, dass ich sicherlich über weitere Kuriositäten stolpern werde.

Selbstpräsentation reloaded

10.10 Uhr: Oh lala! Wo finde ich Selbstinszenierungsversuche von Wissenschaftler*innnen, wenn nicht auf einem Kongress. Töröööö und trööööt, es bleibt spannend. Ich klicke mich weiter durch das Kongressprogramm, während der Podcast (s.o.) weiterläuft. Auditive Selbstinszinierung, mmmh, eine alte Dimension des sozialen (Er-)Lebens findet einen neuen Zugang. Podcasts sind schon lange nichts Neues mehr, doch sie werden in manchen Kontext neu entdeckt. Auch irgendwie schön und ich schaue, äh, höre es mir gerne an und bin schon sehr gespannt, welche speziellen Soundeffekte entstehen werden.

Zwischendurch kitzelt der Podcast meine Ohren: Wie inszenieren sich Soziolog*innen? Wie wird in der Soziologie Professionalität inszeniert? Oh lala, Klappe die 2.! Rollkragen? Nein, zumindest ich nicht mehr, denn dieses Kleidungsstück gehört definitiv in meine Abizeit und nicht in meine postschulische Phase an der Uni. Aber das Leben ist ja zum Glück vielfältig und so gibt es sicherlich auch Rollkragen-Soziolog*innen. Das Hashtag #DGSoz2020 kriecht glücklicherweise derzeit noch vor sich hin. Ich bin noch nicht ganz wach und hole mir mal eben einen Espresso…

Neue Spielplätze für Soziolog*innen kreieren

In einem der Tweets, die immer noch zaghaft über #DGSoz2020 eintrudeln, wird bereits deutlich, dass die Reise zu den Soziologiekongress durchaus auch finanziell nicht möglich ist. Student*innen sind ja nicht selten knapp bei Kasse und so ist eine Online-Variante des Kongresses ein positiver Nebeneffekt. Und auch ich bin froh, dass ich mir die Fahrt nach Berlin sparen kann. An welchen Stellen noch weitere weitere Möglichkeiten entstehen werden, die ohne die Corona-Pandemie eventuell nicht aufgtaucht wären, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

13.00 Uhr: Die Zeit vergeht manchmal schneller als die Kaffeetassen gefüllt werden können. Dann noch hier ein Smalltalk und dort noch eine Reklamation, weil die Beschichtung vom Knethaken das Zeitliche gesegnet hat. Und schwupps-di-wupp befinde ich mich in der ersten Session über die Software ATLAS.ti und seine Anwendungsmöglichkeiten.

Zwei weitere populäre Analysesoftware in der Qualitativen Sozialforschung habe ich bereits getestet und jede Variante hat ihre Vorteile und Nachteile. Es kann also nicht schade, auch mal bei ATLAS.ti nach Potenzial zu suchen. Schade ist nur, dass ich bereits um 14 Uhr umswitchen muss, weil dann eine andere Session beginnen wird, die ich mir ebenfalls ansehen möchte. Nun gut, besser kurz als gar nicht.

13.55 Uhr: Ich verlasse – ohne einen Mucks von mir zu geben – den Raum und mache mich auf die Suche nach dem Link zum nächsten Meeting-Raum. Dabei switche ich nicht nur zwischen den virtuellen Welten, sondern auch zwischen den Meeting-Systemen.

14.02 Uhr: Im Zoom-Warteraum zur Session “Fragen Sie den Verlag mit Barbara Budrich” lässt mich der Meeting-Moderator noch warten. Kein Problem, denn auf meinen zwei Monitoren sind mindestens zwanzig Fenster offen, die ich jetzt schnell noch wegklicken kann. (Tatsächlich hatte ich den Zeitplan nicht richtig gelesen, denn es ging erst um 14.15 Uhr los.)

15.30 Uhr: Wow, die Session mit Barbara Budrich ging so kurzweilig über die virtuelle Bühne und war sehr hilfreich für die Veröffentlichungsplanung für meine noch nicht fertig geschriebene Dissertation. Sehr sympathisch und kompetent! Besten Dank für den anwendungsorientierten Input!

Die Kongresseröffnung

Punkt 17.00 Uhr: Bühne frei für den DGS Kongress 2020! Binnen von wenigen Minuten tröppeln die Teilnehmer*innen ein. Die Gesamtzteilnehmer*innenzahl bleibt erst einmal ein Geheimnis. Schade, dass wir Teinehmenden nicht sehen können, wer sich noch so im virtuellen Raum befindet. Spannung pur! Ich erinnere mich an eine TV-Aufzeichnung Ende Neunziger im Deutschen Museum Bonn mit Ranga Yogeshwar. Mein Physik-LK-Mitschülerinnen beantwortete dem Moderator eine Frage zur Oberflächen-Spannung. Bandwurmsätze in Eröffnungsreden lassen mich schnell mal abschweifen. Ok, da bin ich wieder!

Meine Konzentration nimmt manchmal auch vor dem heimischen Monitor ab und so ordnet mein Denkapparat Gedanken um. Auf Twitter ist schon mehr los, aber nicht vergleichbar mit dem Tweet-Tsunami auf einem BarCamp. Ok, sorry, ich schweife ab, da bin ich schon wieder!

Draußen grillt jemand, es ist bestes Spätsommerwetter hier draußen in Bonn. Die Eröffnungsreden folgen mir auditiv in Richtung Balkon. Ich höre, dass der Onlinekongress Emission einspart, während mit der Grillanzünder in die Nase steigt. Verkehrte Welt, da draußen und ich schweife schon wieder ab, sorry! Ich kriege die Krise.

Anfragen aus den Medien nach soziologischer Expertise während der Coronakrise: Wie öffentlichkeitswirksam ist eigentlich die Soziologie? Die gezeigte Word Cloud verwundert mich: Warum äußern sich Soziolog*innen scheinbar nur selten zum Thema Gesundheit? Das ist wohl eine offensichtliche Marktlücke. So, ich muss jetzt noch meine Highlight-Tweets in meinen #DGSoz2020-Moment auf Twitter einfügen und dann war’s das ad hoc mal für heute!

Dienstag, 15.09.2020 (Kongresstag 2)

10.00 Uhr: Der Übergang vom Warteraum in den Meeting-Raum erzeugt bei mir immer wieder einen Adrenalinkick, auch wenn sich Kamera und Mikrofon wie zwei Schweigefüchse links unten in die Zoom-Ecke verkrochen haben. Professorin Ilse Lenz hat den Chair der Session “Mobilisation und Protest” inne und begrüßt die Teilnehmer*innnen auf eine sehr sympathische Art. Über 140 werden insgesamt werden und ich bin sichtlich überrascht, dass dieses Plenum so viele Kongressgäste anzieht. Alle Präsentationen sind spannend und werden zeitlich passend gemanaget. Ich würde mich sehr freuen, wenn die noch ausstehenden Sessions auch so lebhaft und freundlich gestaltet werden würden. Die Zeit verfliegt wie im Flug und ich habe in Sachen “Bewegungsforschung” und “soziale Bewegungen” ein gut verdauliches Update erhalten.

13.30 Uhr: Meine selbstgewählte Mittagspause endet mit der SektionsSession “Medizin- und Gesundheitssoziologie”. Meine Konzentration nimmt drastisch ab, draußen ist durch das offene Fenster ein knatschblauer Sommerhimmel zu sehen. Meine Bewegungspausen nehmen zu und ich versuche wieder fit zu werden. Die zwei Schweigefüchse von heute morgen sitzen immer noch links unten und warten darauf, eine Runde Gassi zu gehen.

Kurz vor 16.00 Uhr: Bei bestem Willen, aber ich muss mir eine Auszeit im Garten gönnen. Drei Stunden am Stück größtenteils vorgelesene, soziologische Präsentationen haben ihren Tribut gefordert: Ich will nicht mehr und kann / will das körperlich auch nicht mehr. Bis gleich!

Mittwoch, 16.09.2020 (Kongresstag 3)

Donnerstag, 17.09.2020

21.03 Uhr: Ein spannender, aber auch aufwühlender Kongresstag liegt hinter mir. In Gedanken schweife ich immer wieder in die Vergangenheit: Vor zehn Jahren habe ich meine Tätigkeit im Wissenschaftsbetrieb aufgegeben. Gründe gab es viele und heute habe ich u.a. auch statistisch vor Augen geführt bekommen, warum diese Gründe nicht unbegründet waren und sind. Was sonst noch auf meiner heutige Agenda stand, hier im Tweetthread:

https://twitter.com/RosiWuertz/status/1306513463313825792

Dienstag, 22.09.2020

Mein Kongresstag beginnt heute mit der Ad-Hoc-Gruppe “Digitalisierung, Lebensführung und soziale Ungleichheit”. Parallel laufen weitere Sessions, die für mich aus diversen Gründen interessant sind. Ich lasse mich erst einmal berieseln und schaue gelegentlich auch mal auf das Window, dass mir die Zoom-Präsentation entgegenwirft. Die Sonne scheint herbstlich schön in meinen “Konferenzraum”. Nebenbei freue ich mich, dass mein Blogsystem responsiv ist und ich quasi schreiben und zoomen gleichzeitig machen kann, ohne meine Hände von der Tastatur in Richtung Maus bewegen zu müssen. Algorithmische Regulierung: Buzzwords und Definitionen pressen sich durch meine Ohren und klingeln an der Tür zu meinem Oberstübchen. Ist da jemand?

Weber, Max Weber!

Da ist er wieder in allen möglichen Varianten und Formen. Mir gefällt die Schriftart, die so aussieht, als wäre sie von einer Schreibmaschine auf meinen Monitor gemeißelt wäre und ein technisches Thema symbolisch zu umschreiben versucht. Doch mein Unbehagen gegenüber geschriebenen Texten, die für das stille, individuelle Lesen geschrieben worden sind, aber Vorgelesen werden, löst sich auch nicht mit Hilfe dieses Designs auf. Mein Kopf raucht schon nach zehn Minuten und ich frage mich, was ich hier mache. Ich manövriere mich eigenständig ins Game Over und starte das Spiel neu.

Kongress Session Switching

Bisher habe ich es noch nicht gemacht. Heute ist es soweit: Ich mache Session Switching herüber zur Stadtsoziologie und der Ad-Hoc-Gruppe “Gentrifizierung – innstadtnahe Wohnquartiere unter Spannung”. Das tut gut: Ich steige in eine frei vorgetragene Präsentation ein. Erholung vom substantivierten Dauerbeschuss.

Donnerstag, 24.09.2020 (letzter Kongresstag)

9:52 Uhr: Irgendwann musste es ja passieren: Die Technik versagt und das schon seit gestern Abend. Aus bis dato unerklärlichen Gründen streikt mein LAN-Zugang und die Luftverbindung zum Netz der Netze ist auch eher dünn. Passend zum DGS-Kongressthema “Gesellschaft unter Spannung” werde ich also zum krönenden Abschluss zu einer Soziologin unter Spannung. Temporärer Digital Devide fühlt sich nicht gut an!

10:02 Uhr: Die Session beginnt und ich kann wenigstens zuhören. WLAN sei Dank, ich darf partizipieren!

https://twitter.com/RosiWuertz/status/1309041917221576704
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Kategorien: Events

Rosi Würtz

Soziologin mit den Schwerpunkten Digitalisierung und Gesundheit, derzeit Promotion (Uni Bonn) über Führungskräfte und Gesundheitskommunikation, staatlich anerkannte Physiotherapeutin mit einem Faible für die Raumfahrt

1 Kommentar

Forschungstagebuch: Soziologiekongress – Healthy Hospital · September 27, 2020 um 5:47 pm

[…] mehr über den Soziologiekongress erfahren möchte, kann gerne auch meinen Live-Bericht auf rosiwuertz.com […]

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